Leben ohne Geld – Interview mit Heidemarie Schwermer

             

Beschreibung: Frau Schwermer lebt seit 20 Jahren ohne Geld.

Wie kamen Sie auf die Idee, ohne Geld zu leben? Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?
Ich habe schon lange darüber nachgedacht, wie und was sich an unserem  System ändern  und was ich dazu beitragen könnte. Im Februar 1994  gründete ich die „Gib&Nimm Zentrale“ in Dortmund, einen der ersten  Tauschringe, in denen nur mit Fähigkeiten und Dienstleistungen „bezahlt“
wird ohne Geld. Das war ein erster Schritt für mich in eine neue  Richtung. Da ich sehr aktiv in dem Verein war, merkte ich, wie ich immer  weniger Geld für den Alltag brauchte und überlegte mir, ob ich nicht mal  das Experiment starten könnte, ein Jahr ganz ohne Geld zu leben. Viele  aus dem Tauschring fingen an, mich zu fragen, ob ich ihr Haus und ihre  Katze hüten könnte, wenn sie in Urlaub führen. Da ich als  selbständige Psychotherapeutin arbeitete in einer schönen Wohnung mit
Praxisraum verstand ich zuerst nicht richtig, warum mich die Menschen  unbedingt als Haushüterin haben wollten. Es wurden immer mehr, die mich  fragten, und eines Tages machte es klick bei mir. Wenn ich mich trauen  würde, meine eigene Wohnung aufzugeben, weil es ja so viele andere gab,
könnte ich Miete und Strom sparen. Bei dem Gedanken wurde ich sehr  aufgeregt. Meine Überlegungen gingen weiter: die Krankenversicherung  könnte ich dann auch verlassen, weil ich schon lange keinen Arzt mehr  aufgesucht hatte. Ich glaubte an die Selbstheilungskräfte. Nach einem
Jahr könnte ich ja wieder in mein altes Leben zurück.  So verschenkte ich meinen gesamten Hausrat und das meiste, das ich besaß  im Mai 1996 und verließ die Krankenversicherung. Aus einem Jahr wurden  letztlich 18 Jahre, die sich so wundervoll und lebendig anfühlen…

Wie hat Ihre Familie darauf reagiert?
Zu Beginn haben sich alle meine Freunde und auch meine Familie große  Sorgen um mich gemacht. Alle dachten, dass das gar nicht gehen könne, wie  ich es mir vorstellte und ich in der Gosse landen würde. Inzwischen haben  alle gemerkt, dass mein Tun Hand und Fuß hat, dass alles Sinn macht und
sehr gut geht.

Konsum/Geld:

Um als durchschnittlicher Bürger zu leben, braucht es Geld. So denken zumindest einige. Sie hüten Häuser und ersparen sich, somit die Miete, Strom und Heizung. Was machen Sie, wenn Sie keine Wohnung finden, um dort zu  übernachten bzw. um es zu hüten? Wo übernachten Sie dann? Kam es schon mal vor?
Es gibt immer eine Möglichkeit für mich. Die Gosse ist weit weg. Ich fühle mich eingebettet und wohlbehütet, werde getragen vom Lebensfluss, in den ich immer weiter hineinwachse.

Lebensmittel kaufen die meisten Leute im Supermarkt oder gehen essen ins Restaurant. Wo essen Sie? Was essen Sie, so im Alltag? Woher bekommen Sie, Ihre Lebensmittel?
Wenn ich ein Haus hüte, ist der Kühlschrank meist für mich gefüllt. Die Menschen sind ja froh, dass ich diese Arbeit für sie übernehme. Zu Beginn der „gib&nimm“ Bewegung hatten wir Abkommen mit Bioläden,  Biobäckern, Partyservice, die uns ihre Reste kostenfrei überließen, weil sie die Idee so gut fanden und uns unterstützen wollten. Heute habe ich ein riesiges Netzwerk. Die Menschen laden mich ein, ohne  dass ich etwas tun muss (aber natürlich tue ich immer etwas, was gerade anfällt!)
Es gab auch schwere Übungen für mich, z.B. meine Angst vor Verhungern zu überwinden. Diese Angst schleppte ich mit mir (unbewusst) seit meiner Kindheit (als Flüchtlingskind) herum. Eines Tages kam ich in ein Haus, in dem es nur einen Salzstreuer gab. Da packte mich das blanke Entsetzen, eine starke Panikattacke überfiel mich. „Jetzt muss ich sterben, dachte  ich, absurd, weil es genügend Möglichkeiten gibt in Deutschland, auch kostenfrei an Lebensmittel zu kommen. In einer Panik denkt man aber nicht logisch oder vernünftig sondern fühlt sich nur ausgeliefert. Als Psychotherapeutin wusste ich aber auch, dass ich einen kleinen Schritt tun musste, um aus meiner Panik herauszukommen. Mir fielen die Brennnesseln ein, die wir auch in der Nachkriegszeit gegessen haben. So ging ich los, pflückte mir welche, kochte und aß sie und überwand so die große Angst. Im selben Augenblick rief mich eine Freundin an, um mir mitzuteilen, dass sie mir eine Kiste mit Lebensmitteln bringen würde, die sie aus ihrer Aufräumarbeit für mich bereit hatte.

Neben Lebensmittel geben, wir auch Geld für Kosmetik und Hygieneartikel aus, wie Duschgel, Seife, Zahnpaste,… Wie kommen Sie an Körperpflegeprodukte?
In unserer Gesellschaft gibt es so viel Überfluss, dass auch die  Beschaffung dieser Dinge kein Problem bedeuten. Zu Beginn von „gib&nimm“  richtete ich in Dortmund die „gib&nimm“ Ecken ein, wo schon mal solche  Dinge hingelegt wurden. Wenn ich etwas brauche, gehe ich mit meinen  Gedanken da hinein, schmücke mir fein aus, was ich genau brauche und  nicht viel später taucht jemand auf, um mir meinen Wunsch zu erfüllen:  „Dieser Pullover war ein Fehlkauf. Ich dachte, er würde dir gut stehen,“  heißt es dann, und so komme ich zu vielen Dingen für den Alltag oder  auch schon mal Besonderheiten.

Für die meisten ist eine Krankenversicherung sehr wichtig, da man z.B. im Krankheitsfall zum Arzt gehen kann oder bei Unfällen im Krankhaus behandelt wird. Was machen Sie, wenn Sie krank sind? Was machen Sie, wenn Sie zum Arzt müssen oder Medikamente aus der Apotheke brauchen? Waren Sie, schon einmal richtig krank?
11 Jahre lebte ich ganz ohne Versicherung, war über 20 Jahre bei keinem  Arzt, glaubte an die Selbstheilungskräfte. Als ich ins Rentenalter kam,  wollte ich zunächst nichts damit zu tun haben. Meine innere Stimme (oder  mein Schutzengel oder andere Helfer) ließen nicht locker. Ich solle
gefälligst in dieses Gebäude gehen und mich erkundigen, hieß es. Nach  der ersten Weigerung ging ich schließlich in das Gebäude (eine Rentenversicherungsanstalt) und erhielt die Bestätigung, dass es kein
Problem gäbe und ich einfach die Rente und gleichzeitig die Krankenversicherung erhalten würde. Das Geld verschenkte ich komplett, und die Versicherung war mein Solidaritätsbeitrag für die anderen.
Dann jedoch „erwischte“ es mich. (…) Nach ein paar Monaten ließ ich mich endlich operieren, und die Behandlung ist heute noch nicht abgeschlossen. Durch dieses Erlebnis hatte ich eine Menge zu lernen: die Schulmedizin zu respektieren, alte falsche Glaubenssätze loszulassen und wieder ganz neu in der Welt zu sein.

Wie schaffen Sie es, das Internet zu nutzen, ohne Geld und eigenen Internetanschluss? 
Fast alle Menschen in meiner Umgebung haben Flatrate im Internet, so dass  ich, ohne neue Kosten zu verursachen, davon profitieren kann.

Was machen Sie, wenn Sie eine Freundin anrufen möchten?
Mit einigen Freunden habe ich das Abkommen, dass ich nur kurz bei ihnen anrufe, sie meine Nummer im Display sehen und mich dann zurückrufen, so dass für mich keine Kosten entstehen. Natürlich weiß ich, dass das nicht wirklich „ohne Geld leben“ bedeutet, weil ja andere die Dinge bezahlen. Dennoch ist mein Experiment oder inzwischen Modell eine wichtige Erfahrung, weil es ein ganz anderes Leben beinhaltet.

Viele Deutsche als auch Österreicher nutzen vermehrt die öffentlichen Verkehrsmittel. Wie kommen Sie von A nach B? Nutzen Sie Bus und Bahn? Wie bekommen Sie ein Ticket?
Es gibt die Wochenendtickets oder Ländertickets, bei denen mehrere Personen zusammenfahren können. Oft werde ich von unterschiedlichen Gruppen mitgenommen. Auf der anderen Seite werde ich zu Vorträgen oder anderen Veranstaltungen eingeladen und mit Tickets für die Reise versehen.

Die Altersvorsorge ist ein großes Thema. Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, was Sie tun werden, wenn Sie im hohen Alter pflegebedürftig werden?
Hätten Sie mir die Frage vor einem Jahr gestellt, hätte ich geantwortet: Warum soll ich pflegebedürftig werden? Ich glaube ja an die Selbstheilungskräfte. Leider lehrte mich die Erfahrung im letzten Jahr etwas anderes. Inzwischen bin ich demütiger und bescheidener geworden und denke durchaus über Hospiz und andere Fragen nach. Allerdings sage ich mir: es kommt, wie es kommt, und ich werde dann sehen, wie ich reagieren werde, wenn die Zeit es verlangt.

 

 

 

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