Was macht eine gute Patienten-Arzt-Beziehung aus? – Interview mit Fr. Dr. Christine Scholten

Beschreibung: Fr. Dr. Christine Scholten ist FA für Innere Medizin und Kardiologie

Gruppenpraxis Dr. Ursula Klaar und Dr. Christine Scholten
Pernerstorfergasse 20, 1100 Wien

Kurze Vorstellung: Fr. Dr. Scholten, stellen Sie sich doch zunächst bitte kurz unseren Lesern vor:

Gerne. ich bin 51, habe 3 Kinder und einen Mann. ich bin Ärztin, mache Sport in Maßen, koche und esse gerne, ich lese viel und gern und habe eine Theaterleidenschaft.

Medizin und ärztliche Versorgung

Die Anzahl der Herzkreislauf-Erkrankungen sind nach wie vor hoch, Tendenz steigend. Jedoch ist es eher unwahrscheinlich, dass es rein an der physischen- bzw. genetischen Veranlagung liegt. Viele Menschen fühlen sich heutzutage durch die Hektik des Alltags, als auch vom ständig wachsenden Leistungsdruck überfordert. Dies wirkt sich auch körperlich aus.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Folgen von dauerhaft, anhaltenden Stress?

Die verbreitetste Ursache für anhaltenden Stress, leider in der Tendenz steigend ist Armut und mangelnde Bildung. Beide sind natürlich korreliert. Armut und geringe Bildung macht krank, das ist gut untersucht. Die Lebenserwartung dieser Menschen ist im Vergleich zu wohlhabenden Menschen um bis zu 10 Jahre geringer. Dabei ist es nicht nur Armut und geringe Bildung an sich, sonder vor allem auch die Einkommensverteilung zwischen den Reichsten und Ärmsten. Je größer der Unterschied zwischen arm und reich, um so höher die Mortalität, geringer die Lebenserwartung. Dies gilt nicht nur für die Armen, sondern auch für die Reichen. Daher ist eine egalitäre Gesellschaft auch aus medizinischer Sicht ein wesentliches Ziel.

Welche präventiven Maßnahmen, würden sie sagen, sind wichtig um körperlich als auch seelisch auf Dauer gesund und widerstandsfähig zu bleiben?

Abseits der bekannten präventiven Maßnahmen wie Bewegung, Nikotinentzug, gesunde Ernährung und Gewichtskontrolle sind gesellschaftspolitische Maßnahmen zur Armutsbekämpfung und Förderung der Bildung aller gesellschaftlichen Schichten sicherlich unerkannt wichtig in diesem Zusammenhang.

Zum Thema – ärztlich Versorgung. Ohne Sie persönlich anzusprechen – Leider kommt es oft vor, dass sich Patienten, heute nicht mehr als Patienten behandelt fühlen. Viele Patienten klagen, dass sie vom Arzt kaum angehört werden, er sie meist nicht ernst nimmt und mit einem Medikament wieder heimschickt. Es ist auch der Eindruck entstanden, dass man als Kassenpatient anders behandelt wird als ein Privatpatient. Die Rede ist auch von einer Zwei-Klassen-Medizin.

Wie sehen Sie, die obengenannten Beschwerden? Sind diese für Sie als Ärztin nachvollziehbar?

Das stimmt sicher an manchen Stellen. Ich muss aber auch mit großer Freude sagen, dass es sehr, sehr gute und viele Beispiele gibt, dass es bei uns in Österreich gerade umgekehrt ist. Ja, Zweiklassen-Medizin, aber in öffentlichen Spitälern wird die „Zweite Klasse“ deutlich besser versorgt als die „Erste Klasse“ in Privatspitälern. Ein Privatspital aufzusuchen ist allerdings selten eine aufgezwungene Maßnahme, sondern ein selbstgewähltes Leid, das mit hohen Kosten verbunden ist.

Würden Sie der Aussage zustimmen dass es in Österreich eine Zwei-Klassen-Medizin gibt?

Überall gibt es eine vermeintliche und in seltenen Fällen tatsächliche Besserbehandlung reicherer Menschen. Es sollte dringend noch vieles zur Transparenz der Behandlungsqualität getan werden. Was allerdings bei uns, im Gegensatz zu anderen Ländern wirklich noch gut ist, ist der ungehinderte Zugang für alle Menschen zum öffentlichen Gesundheitssystem, egal wie teuer die Methode und wie alt der Mensch ist.

Laut Berichten in den Medien, haben Ärzte pro Patient im Quartal max. 15 min. Zeit, diesen zu behandeln. Bedarf es einer längeren Behandlung, wird diese Zeit nicht von der Kassa übernommen. Dadurch entsteht dem Arzt zeitlicher Druck.

Stimmt diese Mediale Aussage? Wenn nicht, wie lange können sich Ärzte pro Patienten zeit nehmen?

Ich kenne nur meine Honorarordnung, nicht die der anderen Fachrichtungen. Wenn ich einen Patienten öfter als einmal im Quartal sehen muss, weil es medizinisch indiziert ist, kann ich das und es wird auch honoriert. Ich bekomme keine Gesprächshonorare über 15 minuten hinaus, ich bin allerdings auch Kardiologin und nicht Psychotherapeutin. So wie ich keinen Menschen urologisch behandeln würde, traue ich mir auch keine, vielleicht notwendigen Gespräche in diese Richtung zu, sondern überweise Patienten dazu zu den richtigen Stellen.

Ist das Ihrer Erfahrung nach ausreichend?

Ich finde, dass das Limit für Gespräche nur für einen kleinen Teil der Patienten pro Quartal nicht in Ordnung, die Dauer aber schon.

Mit welchen Schwierigkeiten sind Ärzte konfrontiert? Mit welchen Herausforderungen sind Ärzte in Arztpraxen konfrontiert?

Ich verstehe nicht genau, wie sie das meinen. Schwierigkeiten in welcher Hinsicht? Eine Schwierigkeit ist, dass wir nicht für alle Sprachen Dolmetscher zur Verfügung gestellt bekommen.

Wenn Sie an Ihre eigene Praxis denken: Was ist Ihnen im Umgang mit Ihren Patienten wichtig?

Mir ist sehr wichtig, den jeweiligen Menschen in einer Situation der Ausschließlichkeit zu sehen. Wie oben angesprochen ist die Zeit ok, aber knapp, in dieser Zeit soll jeder das Gefühl bekommen, es geht ausschließlich um ihn und sein Problem.

soziale Kontakte

Einer guten Patient-Arztbeziehung wird ein bedeutender Einfluss auf Krankheitsverlauf und Behandlungserfolg zugeschrieben.

Was ist Ihrer Erfahrung nach, die Basis für eine gute Patient-Arzt-Beziehung?

Die oben beschriebene Situation der Ausschließlichkeit. Empathie, Zuhören, Fokussieren auf das Wesentliche, benennen des Problems, lösungsorientierte Gespräche, die auf Ehrlichkeit beruhen, das heißt auch benennen der Dinge, bei denen Rat und Unterstützung eingeholt werden muss.

Ärzte sind medizinisch umfassend ausgebildet, jedoch gibt es teilweise Defizite in ihrer Gesprächs- und psychosozialen Kompetenz.

Was denken Sie, woran das liegen könnte?

Das war zu meiner Zeit nicht teil der Ausbildung.

Gibt es aus Ihrer Sicht, praktische Möglichkeiten um diese Kompetenz in den ärztlichen Alltag zu integrieren?

Zusatzausbildung und menschliche Weiterentwicklung.

Ärzte sind meist täglich hohen Belastungen ausgesetzt. Wie können Patienten dem Arzt die Arbeit erleichtern? (z.B. Termine einhalten, Diät einhalten,…) Was wünschen Sie, sich von Ihren Patienten?

Verantwortung für sich und seinen Körper übernehmen. In vielen Fällen läßt es sich gut damit erklären, dass jeder Mensch sich um sich selbst genauso wie um sein Auto kümmern sollte.

„Rand“gruppen“/ Ausgrenzung

Menschen mit chronischen Erkrankungen, wie Diabetes, Erkrankungen am Herzen, Reizdarm usw., gelten in unserer Gesellschaft als weniger leistungsfähig und geraten oft im Berufsleben weiter unter Druck. Da sie den wachsenden Anforderungen nicht mehr gerecht werden können. Durch den Umstand nicht „voll“ belastbar zu sein, steigt bei vielen Erkrankten die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes.

Welche Möglichkeiten gibt es aus Ihrer Sicht mit diesen Gegebenheiten umzugehen?

Abgesehen von einigen Erkrankungen, die wirklich und unausweichlich mit einem echten Leistungsknick einhergehen, ist für sehr viele Menschen durch Übernahme der Verantwortung für einen gesundheitserhaltenden Lebensstil diese verminderte Leistungsfähigkeit kein Thema.

Was kann jede Person machen, um Ihr Herzkreislauf-System zu stärken und lange fit und leistungsfähig zu bleiben? Können Sie uns 5 Punkte aufzählen, die aus Ihrer Sicht essentiell sind?

  • Bildung
  • Erwerbstätigkeit
  • Bewegung
  • Gesunde Ernährung
  • Seelische Gesundheitsvorsorge
  • wenig krankmachende Genussmittel.

Soziale Unterstützung/Hilfsbereitschaft

Sie selbst sind Initiatorin des Projektes Nachbarinnen in Wien.

Was hat Sie veranlasst dieses Projekt zu gründen? Was war Ihre Motivation?

Was bedeutet für Sie, persönlich, soziale Unterstützung?

Anlass war der tägliche Kontakt zu benachteiligten Menschen. Die Beklemmung durch die offensichtliche Unfreiheit vor allem vieler Frauen und Kinder. Die Somatisierung der massiven, sozialen und menschlichen Katastrophen.

Ich selbst bin in einer Situation aufgewachsen, die ich oft als „Nutellafass“ bezeichne, aus diesem heraus, sehe ich gut die Menschen im leeren Gurkenglaserl.

dann habe ich Renate Schnee kennengelernt, mit der ich dieses Projekt ausgebaut habe. Es geht uns beiden um die Stärkung der Menschen, in deren Leben noch kein Lebensplan vorkam. Wir helfen so einen Plan zu entwickeln und versuchen diesen Menschen das Rüstzeug in die Hand zu geben, den Plan auch verwirklichen zu können. Im Gurkenglaserl leuchten plötzlich die Augen, es gibt eine Strickleiter heraus, der Kopf wird gehoben, ein Weg zu einem gut definierten und geplanten Ziel wird sichtbar und kann gegangen werde, das zu sehen ist wunderbar, sag ich Ihnen. 

Menschlichkeit/Werte

Was verbindet Ihrer Meinung nach, Menschen miteinander?

Liebe, Wärme, Licht, Berührung Innen und Außen.

Vielen Dank für das Interview!

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